BWcon roadshow in Tübingen – Globalisierung als Bumerang?

Ein Bumerang als Gastgeschenk – treffender hätte man die Meditationen des Impulsvortrags von Klaus Herrmann nicht visualisieren können. Das Geschenk ging an Christine Decker, die Tübinger „Gründerfee“ – sie hatte für die TF-RT (Technologieförderung Reutlingen-Tübingen) in Zusammenarbeit mit dem TTR (Technologiepark Tübingen-Reutlingen) und der BioRegio STERN in die Räume der CeGaT GmbH eingeladen. Am 16. Mai 2017 trafen sich hier Gründer, Unternehmer und andere Interessierte, um sich über die laufende 19. Runde des seit 1998 bestehenden bwcon-Gründerwettbewerbs „CyberOne Hightech-Award“ zu informieren. In Zeiten von „Trumponomics“ und „Corbynism“, Bitcoin und Silk Road, wo die Idee der Globalisierung von verschiedenen politischen Seiten als Problem gesehen wird, stellt sich auch für Startup-Gründer in der beschaulichen Neckaralb-Region diese Frage: Wie kommt bei einem fairen Spiel das, was man in den Wald hinein ruft, aus dem globalisierten Betondschungel auf einen selbst zurück – im guten oder im schlechten Sinn? Zu diesem Spannungsfeld freuten sich die Zuhörer auf eine spannende Experten-Vogelperspektive – und wurden nicht enttäuscht. Doch dazu später mehr.

Spannende lokale Entwicklungen wurden zunächst zur Begrüßung von Thorsten Flink präsentiert, dem Tübinger Geschäftsführer der TF R-T, der dem Publikum Peter Wilke als neuen Reutlinger TF R-T – Geschäftsführer vorstellte.

Christine Decker gab aktuelle Einblicke in die brummende Tübinger-Reutlinger Startup-Szene: Seit der Gründung der Tochterfirma beider Städte in 1999 gibt nunmehr es durch eine erfreuliche Nachfrage ausgebuchte Technologiegebäude in beiden Städten zu vermelden, während dutzende junge Unternehmen hier wie da Tausende neue Arbeitsplätze schaffen.

Im Anschluß stellte Moritz Stahl von der Connected e.V. – Geschäftsstelle Stuttgart den “CyberOne Hightech Award” Baden-Württemberg 2017 vor. Sowohl Investment Manager wie erfolgreiche Gründer ergäben den bunten Mix aus Juroren, der eine faire Bewertung sicherstelle. Mit bekannten Partnern wie der Unternehmerschule der Uni St. Gallen, der Landesgesellschaft BIOPRO, der Leichtbau BW, Fraunhofer Venture und Startup Pforzheim habe der CyberOne starke Mitwirkende und Fürsprecher im Rücken.

Ein unterhaltsamer Image-Film stellte anhand einer beispielhaften Geschichte mit animierten Comic-Studenten vor, wie man sich eine Gründung aus einem Freundeskreis mit gemischtem Hintergrund von Pharmazie, IT und Wirtschaftswissenschaft mit anschließender Förderung vorstellen kann. Neben den Sachpreisen winkt so ein schöner ideeller Ansporn für die Teilnehmer, die sich noch bis zum 03. Juli 2017 anmelden können, bevor mögliche Finalisten am 13. November auf dem High Tech Summit im Europapark Rust empfangen werden.

Nun war es Zeit für den mit Spannung erwarteten Impulsvortrag von Klaus Herrmann von der C3 GmbH & Co. KG über die Globalisierung als Sehnsuchtsort und Vexierbild zwischen Wünschen und Ängsten in einer sich ständig weiterentwickelnden Welt.

Mit viel Humor gestaltete er seinen Ausblick: Den Einstieg bildete die konstante Toiletten-Verweildauer älterer Herren, eine lustige Kontinuität von Zeitungs- zu Tablet-Zeitalter. Mit einer ernstgemeinten Botschaft: Die Frage ist nie wann, sondern wie die Neuerungen Einzug halten. Es komme darauf an, zu antizipieren, einzuordnen und mitzugestalten.

Herr Herrmann leitete über zu den Herausforderungen in Zeiten eines „Industrie 4.0“-Hypes: Eine Welt mit Hyperkonnektivität (10 Milliarden Menschen werden 50 Milliarden Smart Devices bedienen, sagen die Prognosen) bietet die Chance nahezu gleichzeitiger globaler Information – und die Herausforderung neu zu verhandelnder Filtermechanismen.

Weitere angesprochene Chancen waren für viele verschiedene Fachleute im Publikum interessant: Mit E-Mobility, Internet of Things, Robotik und DNA als Infospeicher drängte sich mir die Ahnung auf, dass auch mit Automatisierung Arbeitsplätze statt zu verschwinden eher ihr Gesicht verändern dürften – schwer kann man sich vorstellen, wie eine solche Zukunft weniger statt mehr Elektrotechniker, Einzelhändler, Ingenieure und Biologen brauchen soll.

Mit Ransomware und Stromausfällen sprach Klaus Herrmann gleich zwei brandaktuelle Risiken einer globalisierten hyperkonnektiven Welt an: Wenn die Identität und das soziale Leben immer mehr elektronisch ausgestaltet werden – wie kann man sich vor virtuellem Diebstahl von Identität und Eigentum wehren, der doch noch überraschend schnell ins „real life“ durchschlägt?

Davon ausgehend, wurden weitere Problemkreise angesprochen: Wer besitzt unsere Daten? Wer profitiert wie von „Big Data“? Welche Verantwortung tragen Startups für Datenschutz der Kunden und Stimmungswechsel in der breiten Öffentlichkeit?

Bei allem Optimismus angesichts zunehmender Friedlichkeit und Offenheit durch Handelsbeziehungen, könne man soziale und ökologische Fragen nicht wegdiskutieren: Wer sorgt sich um die Sicherheit von Mitarbeitern, wie entsteht Not aus Ausbeutung, was ist die Umweltbilanz von billiger Produktion jenseits deutscher Umweltstandards, Reinheitsgebote und Arbeitsschutz-Vorschriften? Es bleibt meines Erachtens spannend, ob hier mit Augenmaß Standards und Freiheiten einen Ausgleich finden werden.

Nach diesem Themenkomplex der „globalen Verantwortung“ des Unternehmers, kam Klaus Herrmann auf die „lokalen Effekte“ zu sprechen. Was bringt einem Angestellten ein hoher Kontostand, wenn Kaufkraft und soziale Absicherung fehlen? Wie gestalten wir unser Leben, wenn die verfügbare Zeit den leistbaren Transport als knappstes Gut ablöst?

Hilfreiche Tipps gab es für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber: Massen-Anschreiben aus der Schablone seien in Zeiten von Spam-Emails ein absolutes No-Go für Bewerber – genauso wie Junior-Unternehmer darauf achten sollten, selbst verantwortlich mitzuarbeiten und ihre Familie durch geringe Eigenkapital-Anteile vor Risiken zu schützen.

Mit einem Schlusswort ging der anregende Ausblick optimistisch zu Ende: „C.G. Jung empfahl, an Träume zu glauben und sie zu verwirklichen. Oder: Jeder Erfolg gibt einem Recht – jeder Misserfolg ist eine Lektion.”

Ein kurzer Film-Block lockerte die Gäste auf, bevor die Podiumsdiskussion begann: CeGaT, CureVac, AmbiGate und RetinaImplant stellten ihre Arbeit für personalized Medicine, RNA-basierte Impfstoffe, computergestützte Reha und Augenlicht-wiederherstellende Implantate vor.

Im Anschluß führte Hans-Martin Ehrmann von der Dialog HR Consultants GmbH souverän und engagiert durch den mit Spannung erwarteten „Business Round Table“.

Dr. Dirk Biskup von CeGaT erzählte von seinen Erfahrungen mit der Regulierung: Obwohl die lokale Atmosphäre sehr gründungsfreundlich sei, habe man leider durch anreizdämpfende Strukturen für Studien auch schon einmal nach USA ausweichen müssen. Gleichzeitig stellte er den größeren Zusammenhang her, dass bei individueller Patientenberatung “mit einer jeweiligen Stichprobengröße von N=1“ die bisherigen Bewertungs- und Zulassungsverfahren für neue Methoden an eine neue Zeit angepasst werden müssten.

Dr. Florian von der Mülbe berichtete von den wichtigsten Faktoren für Gründungen, die letztlich bei der Zusammenarbeit von Curevac mit gemeinnützigen Investoren wie der Bill-und-Melinda-Gates – Stiftung entscheidend gewesen seien: Teamwork, Hartnäckigkeit und Glück müssten zusammenkommen, um “aus ungewöhnlichen Ideen disruptive Technologien zu schaffen”.

Caroline Dabels von Ambigate zeigte sich dankbar für die Tipps ihrer Dozenten: Wer zuhause stark trainiert sei, könne im nächsten Schritt draußen glänzen – mit diesem geistigen Startkapital könne man jetzt wachsen.

Jürgen Klein und Dr. Alfred Stett, die Marketing- und Technologie-Experten von RetinaImplant, berichteten wie die technische analog zur arzneilichen Zulassung immer ein schrittweises Abwägen und Kompromisse-Finden zwischen den Wünschen der Patienten nach Behandlung und Kostenübernahme, der Verantwortung für die Machbarkeit sicherer Produkte aufseiten der Entwickler, und der Skepsis und Vorsicht aus der Sicht von Krankenkassen und Behörden sei.

Klaus Herrmann und Hans-Martin Ehmann waren gleichermaßen beeindruckt von der Beseeltheit für ihren guten Zweck, die aus dem Engagement der Unternehmer für ihre biomedizinischen und biomechanischen Erfindungen spreche. Ich kann dem Eindruck sehr zustimmen, dass ihre Projekte für die Gründer anscheinend weit mehr als kalte Geschäftsideen sind – sie sehen diese wohl eher als die Kulmination ihres heiß gehegten Wunsches, einen Beitrag zu einer schöneren und gesünderen Welt zu leisten.

In der anschließenden offenen Frage-Runde machte sich dann mit einem gehörigen Mehr an Struktur und Vogelperspektive im Gepäck vorsichtiger Globalisierungs-Optimismus breit: Ein Gastronom berichtete davon, wie finanziell und menschlich vieles, was man global weg gebe, zu einem selbst zurück komme – durch sinnvolle Produkte, genauso wie bereichernde kulturelle Kontakte.

Trotzdem wurden auch kritische Stimmen laut – sowohl nach dem berechtigten Wunsch von Verbrauchern nach sicheren Produkten; als auch von Patienten nach schnellem Zugang zu besseren Heilungs- und Überlebenschancen. Herr von der Mülbe bekräftigte seinen Optimismus, dass angesichts der Bedrohung durch globale Pandemien neue Verfahren wie mRNA-Impfstoffe helfen könnten, schneller zu reagieren – bei sauberster Herstellung. Herr Biskup stellte die Frage in den Raum, ob man die Globaliserung analog zur Bumerang-Idee vielleicht weniger als Einbahnstraße des Profitgedankens sehen sollte – sondern als einen Prozess von Geben und Nehmen, in dem sich alle Teilnehmer gleichermaßen fair einem Wettbewerb mit gleichen Regeln stellen sollen. Herr Stett merkte an, dass durch mehr globale Harmonisierung diese Fairness erleichtert werden könne.

Daraufhin eröffnete Herr Biskup den Ausblick, dass durch genetische Diagnostik am Anfang einer Behandlung „doctorshopping“ von einem ratlosen Arzt zum Nächsten vermindert werden könne – was sowohl den Kassen wie den Patienten und Arzt freuen dürfte. Und Herr von der Mülbe schloß mit der Hoffnung, dass Krebs analog zu HIV vom deterministischen Killer zum beherrschbaren Ärger schrumpfen könnte.

So ging ein spannender Abend zu Ende, der bei allem kontroversen Problembewusstsein dank seiner Impulse insgesamt wohlmeinende Neugierde auf die Zukunft weckte.

Links zu Wettbewerb, Veranstaltern und Teilnehmern:

http://www.cyberone.de

http://www.tfrt.de

https://www.bio-pro.de/de/

https://www.retina-implant.de

https://ambigate.com/de/home-3-2-2/

http://www.cegat.de

http://www.curevac.com/de/

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